Heimkehr

Gewalt und Alkoholismus

Nach aktuellen Studien sind fast die Hälfte aller Frauen und Männer, die sich an eine Beratungsstelle wenden, von häuslicher Gewalt betroffen. In der überwiegenden Zahl der Fälle ist es der Mann, der trinkt und er ist es auch, von dem die Gewalt ausgeht. Dennoch erleben wir in unseren Beratungsstellen auch Schilderungen, die ein anderes Verhaltensmuster zeigen.

Walter Bachmann* parkiert seinen Audi in der Tiefgarage. Es ist wieder sehr spät geworden heute. Fast halb neun zeigt seine Uhr. Zu viele Sitzungen und nicht besonders produktive dazu. Im Lift betrachtet er sein müdes Gesicht im Spiegel. Eigentlich hätte er doch früher hier sein können, aber er wollte die Heimkehr hinauszögern. Wird es wie so häufig oder wird heute ein besserer Abend. Gleich wird er es wissen.

Die Kissen auf dem Ledersofa sind sauber aufgereiht, auf dem Salontisch stehen frische Tulpen. Maria, die Putzfrau, war hier. Normalerweise riecht man nach Maria noch das Bodenputzmittel. Heute nicht, der Cognac ist stärker. Wie jeden Abend sitzt Ester Bachmann* am Tisch hinten bei der Bücherwand. Die Flasche halbleer. «Ah, der Herr Verwaltungsrat.» Walter geht nicht darauf ein: «Hallo, wie war dein Tag?» Vor ein paar Jahren hat er sie bei solchen Aussagen noch korrigiert, sie darauf hingewiesen, dass er Geschäftsführer und nicht Verwaltungsrat ist. Ester antwortet nicht. 

Walter hat die Krawatte gelockert und zappt sich durch das Abendprogramm. Alle Filme und Sendungen haben schon  angefangen. «Sprichst du nicht mehr mit deiner Frau?», tönt es von der Bücherwand. Walter versucht ruhig zu bleiben: «Es war ein langer Tag.» – «Ich würde ja auch, wenn ich könnte, ich würde sofort arbeiten gehen. Aber mir wurde damals halt kein Studium finanziert, wie dem feinen Herrn.» Walter ahnt, dass es auch heute Abend wieder laut wird. Er spürt wieder diese Wut. Die Wut auf seine arbeitslose Frau, die Wut auf den Alkohol. «Bei dir hätte auch ein Studium nichts gebracht.»

 Ester steht jetzt neben dem Sofa. Sie wankt und schreit. «Was kann ich dafür, wenn mich dieses Arschloch rausschmeisst? Ich war seine beste Sekretärin. Und was machst du? Du schaust nur zu und lässt mich hier im Stich!» Walter löst seinen Blick vom Flachbildschirm. «Ester, geniesse doch die Zeit. Du weisst genau, dass du nicht arbeiten musst.» – «Ich will aber! Seit Sophie und Jonas nicht mehr hier wohnen habe ich sonst keine Aufgabe!» – «Such dir doch ein Hobby! Aber nicht einmal das schaffst du.»

Ester schluchzt, geht zurück zur Bücherecke, schenkt sich nach. Walter kann seine Wut nicht mehr zurückhalten. «Ja genau!», schreit er ihr nach, «sauf noch mehr!» Ester kippt das ganze Glas rein. Walter schreit weiter: «Du machst alles kapput. Du bist an all dem selber schuld, schau dich an, ich würde dich auch nicht einstellen.»

Ester nimmt die Flasche geht zur Küche und schlägt die Tür so heftig hinter sich zu, dass die Gläser im Schrank scheppern. Walter steht sofort auf, geht ihr nach. Zuschlagende Türen reissen bei ihm alte, verdrängte Erinnerungen hoch. Erinnerungen an seine Stiefmutter. In der Küche packt er sie am Arm. «Du weisst genau, dass ich das nicht leiden kann, wenn du die Türe so zuschlägst.» Ester weiss es genau: «Oh, wurde der kleine Walterli von seiner Stiefmutter böse behandelt. Das ist aber traurig.»

Walter lässt Esters Arm los, holt auf und schlägt mit der flachen Hand zu. Er trifft sie am Hals und am unteren Bereich des Kiefers. Die Flasche fällt runter, der Cocnac saugt sich in die Socken. Walter zieht seine Hände zur Brust, verlagert sein Körpergewicht nach vorne, mit einem heftigen Rück schnellen seine Handflächen gegen Esters Schlüsselbein. Von der Wucht überrascht knallt Ester rückwärts in einen Barhocker, verfehlt mit dem Kopf knapp die Chromstahlecke der Küchenkombination, und prallt mit dem Hinterkopf unten in die Balkontüre. Sie bleibt liegen, die Füsse auf dem umgekippten Barhocker, den Kopf an der Scheibe angelehnt. 

«Das wollte ich nicht», flüstert Walter.

 

*Namen von der Redaktion geändert